Trauer muss Elektra tragen

Nein, ich sitze nicht in einer fünfstündigen Vorstellung des genannten Dramas von Eugene O’Neill.

Bei dem üblen Wetter vom vergangenen Samstag wollte ich es mir eigentlich nur zuhause gemütlich machen. Mit einem Glas Wein auf dem Sofa. Und ja ich gebe es zu, mich einfach unterhalten lassen beim ESC. Eurovision Song Contest. So einfach habe ich mir das vorgestellt. Das ging auch eine Weile ganz gut. Da trällerten sie von Liebe und Schmerz und ganz süss das deutsche Mangapüppchen. Ein richtiger Farbtupfer. So einfach habe ich mir das also vorgestellt. Ja und dann noch der knackige Niederländer mit seinem Country Sound und der polnische Barde mit dem hüftlangen Haar. So geht ESC dachte ich bis zu dem Moment als die Bühne nachtschwarz wurde, durchzuckt von roten Blitzen und mit einer Gestalt die dunkelste Töne von sich gab. Sie sah aus wie eine Rachegöttin oder eben die trauernde Elektra. Irgendwo zwischendirn aber hochdramatisch mit ihren kompliziert aufgedrehten Haaren und den kohlschwarz umrandeten grossen Augen. Habe ich aus versehen die Fernbedienung gedrückt und bin auf einem anderen Sender? Nein, ich bin noch bei ESC. Nur ist meine Stimmung dahin. Die Dame aus der Ukraine weckt mich unsanft aus meinen unbeschwerten Gedanken und drückt mir in schwermütigen Klängen das Schicksal ihrer tatarischen Grossmutter auf die Ohren. Ich sage es ungern aber jetzt fühle ich mich für einmal missbraucht und gehörtechnisch vergewaltigt.

Ich bin wahrscheinlich alleine mit diesem Gefühl im ganzen weiten Rund der ESC Zuhörerschaft, denn das Klagelied gewinnt auch noch den Siegerpokal. Die Kommentatoren bemühen sich eifrig den Sieg als politische Aussage zu werten. Gegen Putin und die Krimannektion und sowieso auch gegen die Merkel, denn die süsse Mangamaus hat den letzten Platz belegt. Ich wollte eigentlich an diesem Abend nur unterhalten werden, mit Musik und Schau und einfach einmal ohne Wertung.

Zum Glück hatten die Schweden noch ein witziges Rahmenprogramm und als ein Komiker darauf hinwies, dass wir auf unseren PC-Tastaturen schon längst die Abkürzung „ESC“ meist ganz oben links finden, musste ich lachen. Es steht für „Escape“ oder „verlassen“ und das habe ich dann auch getan. Auf meiner TV Fernbedienung einen anderen Sender gewählt, basta.

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