Kein Tschüss, kein Kuss und keinen Fick…

Derjenige der mir dies heute morgen sagte ist ein guter Freund und wir führten eben unsere Hunde aus.

Es ist einer jener wunderbaren ersten Frühlingstage hier im Hinterthurgau. Die Bise pfeift zwar leicht über die Ebene, aber sonst scheint die Sonne und es blüht und grünt überall.

Wir sind beide arbeitssuchend wie das so schön heisst. Beide „Kunden“ des staatlichen Arbeitsvermittlungsprogramms. Beide jahrelang erfolgreich in der Medienwelt tätig. Gut ausgebildet, mehrsprachig und was das Herz eines jeden Personaldienstlers höher schlagen lassen sollte, selbständiges arbeiten gewohnt, auch wenn es halt mal ein Wochenende trifft oder den freien Abend den man ja mit der Familie hätte verbringen können.

Was hat ihn wohl zu dieser Äusserung getrieben? Mein Gedanke ist noch nicht zu Ende da poltert er los und erzählt mir, was ihm bei seinem letzten Vorstellungsgespräch passiert ist. Der Glückliche, er hatte ein Vorstellungsgespräch!

Unsereiner wird wenn überhaupt mit einem Schreiben beschieden, dass die Qualifikationen ausgezeichnet wären und mein Weg in der Arbeitswelt beachtlich, aber man hätte sich für eine nachhaltige Lösung entscheiden müssen und wünscht mir weiterhin viel Glück. „Nachhaltig“ wird im Jargon dann verwendet wenn der Stellensuchende schlicht zu alt erscheint oder es auch ist. Beides trifft auf mich zu. Es betrifft aber nur mein Geburtsdatum und nicht meine geistigen Fähigkeiten.

Meinen Freund und mich verbindet hier das gleiche Schicksal obwohl er einiges jünger ist, aber die 50 überschritten hat. Denn beide sind wir an unseren jeweiligen letzten langjährigen Arbeitsorten mit dem Hinweis auf Restrukturierung der Unternhemen entlassen worden. Dies ist einfach die Umschreibung, dass die Firmen nicht mehr gewillt sind ihre gesetzlich vorgeschriebenen Beiträge an die Pensionskassen zu leisten. Ein unsinniger Passus in den Bestimmungen der Altersvorsorge erhöht mit zunehmendem Lebensalter die Pensionskassenbeiträge. Somit werden Arbeitskräfte für die Firmen teurer das stimmt, aber der Arbeitnehmer bezahlt ebenfalls einen höheren Beitrag in die Pensionskasse ein. Logik? Keine. Nur Kurzsichtigkeit und weg mit den hohen Lohnkosten. Die sind selbstverständlich nur bei den Normalangestellten hoch. In der Chefetage werden sie als notwendige Ausgabe, gar Investition in das blühende Fortbestehen des Unternehmens gesehen. So ist das. Also wir führen unsere Hunde aus und tauschen weiter unsere Erfahungen aus die wir auf unserer Stellensuche gemacht haben. Am meisten sind wir immer wieder schockiert über die Art und Weise wie Personalverantwortliche an ihren Posten sitzen können die über keine aber gar keine Kinderstube verfügen. Wenn schon nie eine Antwort auf eine Bewerbung folgt, was einen grossen Teil ausmacht, dann sind es vorgefertigte Absagebriefe die wenn überhaupt, vom Bürolehrling unterschrieben werden. Ja, wo soll der Lernende es denn sonst lernen?

Da wird man doch von der Arbeitsvermittlungsstelle angehalten möglichst umtriebig zu sein und zu bleiben. Falls man es nicht wäre werden einem die Taggelder gestrichen, folgt umgehend die Drohung und Konsequenz. Mit dem persönlichen Berater oder der Beraterin werden die monatlich abzuliefernden „Arbeitsbemühungen“ festgelegt. Da ist man also umtriebig und aktiv und gibt sich Mühe möglichst einfallsreiche und gute Bewerbungen zu schreiben. Jede auf den möglichen Arbeitgeber zugeschnitten, ja keine Standardtexte verwenden wird in den zahlreichen Ratgebern zur Erstellung von Bewerbungsunterlagen gemahnt. Die Arbeitsvermittlungsstelle grüsst in jedem Schreiben auch mit der Versicherung, dass sie sich gerne bei der Stellensuche behilflich zeige und freut sich dann auch noch über einen Besuch . Der Besuch ist eh vorgeschrieben und wird vom Beratenden festgelegt. Eine aktive Hilfe bei der Stellensuche haben wir beide noch nicht erlebt. Zynismus pur.

Und was erhält man zurück? Nicht das wir beide nun etwas erwarten. Oder doch! Wenigstens den Minimalanstand, auf ein Bewerbungsdossier zu antworten.

Aber es geht noch schlimmer. Wie meinem Freund geschehen. Die Freude über das anstehende Bewerbungsgespräch währte kurz. Man liess ihn erst einmal kommen und dann wieder warten. Ein „meet and greet“ sozusagen. Dann der erlösende Anruf er hätte es in die zweite Runde geschafft. Also wieder hin. Es sollte ein Nachmittag mit Gratisarbeit für den vielleicht zukünftigen Arbeitgeber werden. Er musste ein Protokoll in gängiges Mediendeutsch übersetzten und dann noch ein Projekt das die Firma im Auge hat, in drei Varianten, einfach, mittel und top ausarbeiten. Danach beschied man ihm, dass seine Arbeit hervorragend wäre, er sich nun aber gedulden müsste, da zuerst die Steuergruppe Personal und dann die Direktion darüber befinden werde, wie allenfalls weiter zu gehen gedacht würde. Ein Skandal, aber es ist wie wir beide herausgefunden haben gängige Praxis. Schlimmer ist nur noch das Gastgewerbe welches Servicekräfte einen Tag zur Probe arbeiten lässt. Ohne Bezahlung und dann eine abschlägige Antwort gibt. So kann man auch eine Gaststätte billig führen! Die Hoffnung auf eine Stelle ist bei den Betroffenen grösser als die Bereitschaft sich dagegen zur Wehr zu setzen.

Und die Personalverantwortlichen? Früher hatte man die Hofnarren die waren auch immer am Fuss des Thrones ihrer Mächtigen zu finden. Die hatten manchmal auch sehr gute Ideen und wurden gehört. Personalverantwortliche sitzen heutzutage in jedem Geschäftsleitungsgremium, auch als Narren denn zu sagen haben sie nichts. Es wird ihnen gesagt was sie zu tun haben und dies nicht etwa von den Chefs. Nein, die machen sich auch nicht die Hände schmutzig sondern lassen externe Berater ein Papier verfassen das sie dann vorlesen und eben an die Personaldienste weitergeben, da stehen ja die Massnahmen drin. Da hatte es der Hofnarr eigentlich besser. So bleibt uns beiden Hundevätern nur eins, sich weiter zu Bemühen um Arbeit, denn das ist es, was wir wollen.

Vielleicht gibt es dann ein Hallo, einen Kuss und einen Fick…………